Haile
Selassie I auf Jamaica, 21.4.1966
Ein Augenzeugenbericht von M.B.Douglas
Es waren mehr
als 100 000 Menschen auf dem Flughafen, um ihn zu empfangen,
darunter mindestens 10 000 Rastafarians. Der Morgen war
regnerisch, und viele Menschen waren naß bis auf die
Haut. Vor der Ankunft des Flugzeugs hatten die Rastafarians
gesagt, dass der Regen aufhören würde, "sobald
unser Gott kommt".
Es war wie ein
Wunder, doch der Regen hörte auf, als das Flugzeug
landete. Die Brüder brachen in Freudenschreie aus und
drängten auf das Rollfeld, wobei einer den anderen
schob, um auch einmal das Flugzeug berühren zu können.
Als der Kaiser die Menschen, die Flaggen, das Jubeln und
das Singen sah, weinte er.
Er sagte uns
später auf der Cocktailparty, daß er sich niemals
habe träumen lassen, so fern seines Landes eine solche
Anhängerschaft zu finden, die ihn noch nie zuvor gesehen
hatte. Die Menge hatte das Flugzeug derart umlagert, daß
der Kaiser fast eine halbe Stunde lang nicht im Stande war,
herunterzusteigen. Die Polizei versuchte vergeblich, für
Ordnung zu sorgen, Ich wurde als Botschafter Haitis als
einer der Führer der afrikanischen Nationalisten gebeten,
zu der Menge zu sprechen, da ich selber aber kein Rastafarian
bin, schlug ich Mortimo Planno vor, der über die Lautsprecheranlage
gebeten wurde, zu dem Flugzeug zu kommen. Er stieg die Gangway
hinauf, reichte dem Kaiser die Hand, wandte sich an die
Menge und bat sie, dem Kaiser Platz zu machen. Das wurde
getan.
Der Kaiser stieg
vom Flugzeug hinunter, aber zu diesem Zeitpunkt waren die
offiziellen Pläne für die Begrüßungszeremonie
schon völlig zunichte gemacht. Der Kaiser stieg in
ein Auto und fuhr zum Kings House. Die Rastafarians scherten
sich nicht um das Protokoll und die offizielle Begrüßung.
Sie sagten sich: Das ist unser Tag. Es ist unser Gott. Seinetwegen
sind wir gekommen. Wir sind hier, um ihn zu begrüßen.
Ein anderer Augenzeuge berichtet:
("Daily Gleaner", 22. April 1966)
Seine Kaiserliche Majestät, Haile Selassie I, der Kaiser
von Äthiopien, König der Könige, der Siegreiche
Löwe von Juda, kam gestern nachmittag zu einem Willkommen
der Superlative in Jamaica an. Und er weinte.
Er weinte, als er auf der Treppe eines Flugzeuges der äthiopischen
Luftlinie stand, das ihn von Trinidad und Tobago nach Jamaica
gebracht hatte, und als er die riesige und außer sich
geratenen Menge überblickte, die sich zu seiner Begrüßung
auf dem Palisadoes Airport versammelt hatte. Die Tränen
schossen aus seinen Augen und liefen sein Gesicht herab.
Vielleicht wird man niemals wissen, ob er aus Sorge über
die Unkontrollierbarkeit der riesigen Menschenmenge weinte,
die gekommen war, um ihn zu empfangen, oder aus purer Freude;
wie auch immer, es war ein gefühlsgeladenes Willkommen.
Seit Mittwoch nacht hatten sich Menschen aus allen Teilen
Jamaicas auf dem Flughafen versammelt: Sie kamen zu Fuß,
in Autos, in Pferdewagen, in Karren, in gemieteten Bussen,
auf Fahrrädern und jedem nur denkbaren Transportmittel,
und noch nie in der ganzen Geschichte Jamaicas hat es ein
derart spontanes, warmherziges und aufrichtiges Willkommen
für irgendeine Person gegeben, gleich welcher Monarch
zu Besuch kam, welcher VIP kam oder welcher Führer
einer jamaicanischen Partei von einer Reise zurückkehrte.
Seine kaiserliche Majestät sagte später, daß
er von diesem Willkommen überwältigt und tief
berührt war. Es zeige ihm, sagte er, welche engen Bande
und Zuneigungen zwischen dem Völkern von Jamaica und
Äthiopien bestünden.
Die Mehrzahl der Menschen auf dem Flughafen waren Rastafarians
und Mitglieder der Afro-Jamaicanischen Gesellschaften. Sie
trugen ein Kaleidoskop von afrikanischen Gewändern.
Sie kamen von überall her.
Sie kamen aus den Schlupfwinkeln der Wareika Hills. Sie
kamen aus den Bruchbuden von Western Kingston. Sie kamen
aus den entlegenen Bergen von Accompong, aus dem üppigen
Hochland von Moore Town in den John Crow-Bergen. Sie kamen
vom Vere- und Milk-Fluß, von den Johnson-Bergen in
St. Thomas, aus kleinen Dörfern und großen quer
über ganz Jamaica von Negril bis Morant Point.
Sie brachten Tausende von farbigen äthiopischen Fahnen
und Flaggen mit, Palmblätter, Feuerwerkskörper,
Kanonenschläge, Trommeln und das Abeng - das berühmte
Ochsenhorn der Maroons, das seit unvordenklichen Zeiten
über die Berge Jamaicas schallte ( und in Afrika während
der Kriege der Ashanti ).
Der Enthusiasmus war zu viel für die Behörden.
Die Polizei war von einer Welle all dessen umgeben. Das
Ergebnis: Die gesamte verabredete Zeremonie fiel ins Wasser.
Die offizielle Begrüßung fand nicht statt. Der
rote Teppich wurde ignoriert. Die Hymnen wurden nicht gespielt.
Der Kaiser wurde in der Tat in nervöser Eile in das
Auto des Generalgouverneurs geschafft, um seinen triumphalen
Einzug nach Kingston zu machen, der Hauptstadt Jamaicas,
und damit die größte Verkehrsschlange auszulösen,
die es in der Geschichte der Stadt wohl gegeben hat.
Und während dies alles geschah, wurden Kracher entzündet,
donnerten Kanonenschläge, erscholl das Abeng, und brüllten
Tausende von Menschen: "HAIL THE MAN I !"
Das Flugzeug des Kaisers, für 11 Uhr in Jamaica erwartet,
war durch eine Landung auf Barbados verspätet. Es kam
hier erst um 1 Uhr 25 an, und bis es an das Empfangsgebäude
herangerollt war, war es 1 Uhr 40. Da war es bereites ein
Tollhaus. Hunderte von Rastafarians hatten die VIP-Linie
von Ministern und Führern der Opposition durchbrochen
und schwirrten um und unter dem Flugzeug herum, ohne sich
um die noch drehenden Propeller zu kümmern. Und zu
dem Zeitpunkt, da der Kaiser mit seiner Begleitung auf der
Treppe erschien, war alles außer Kontrolle.
Es wurde 2 Uhr 15, bis der Kaiser das Flugzeug verlassen
und den Wagen des Generalgouverneurs besteigen konnte, um
einen eiligen Rückzug aus dem turbulenten Gebiet anzutreten,
zu dem der Palisadoes Airport geworden war. Zuvor hatte
es geregnet. Aber der Regen hielt da Tanzen und Flaggenschwenken
der zahlreichen Rasta-Gruppen nicht auf, die den Flughafen
füllten. Viele riefen: "Wenn Gott kommt, wird
die Sonne hervorkommen!". Es war so. Sobald das Flugzeug
den Boden berührte, hörte der Regen auf, brach
die Sonne hinter den Wolken hervor, stürmte die Menge
in alle Richtungen los, und es war ein Gebrüll, wie
man es noch nie zuvor auf Palisadoes gehört hatte.
Für eine Weile glaubte man, die Zeremonie könne
wie geplant von statten gehen. Der Kaiser und seine Begleitung
standen auf der Plattform der Landungstreppe, während
hohe jamaicanischen Militärs die unteren Stufen besetzt
hielten und über die Schwärmende menge und die
übrigen Militärs bleckten, die sich bemühten,
etwas Ordnung in das Chaos zu bringen.
Es wäre eine große Torheit gewesen, ihn zu diesem
Zeitpunkt herabsteigen zu lassen, denn jeder wünschte,
ihn zu berühren. Überall waren Schreie zu hören:
"Der Tag ist gekommen. Gott ist unter uns. Laßt
uns den Saum seines Gewandes berühren.
Als der Wagen des Generalgouverneurs davonfuhr, stellten
sich Menschen in den Weg und umzingelten ihn. Einige riefen:
"Erinnert euch an mich. Bereitet mir einen Platz in
eurem Königreich vor.". Die Verwirrung hielt den
ganzen Weg bis zum Kings House an. Polizeibarrieren wurden
durchbrochen. Die königliche Gefolgschaft wurde zersplittert.
Und obwohl es dabei etwas kontrollierter zuging, war die
Situation im Nationalstadium dieselbe, als der Kaiser dort
um 5 Uhr zu einem nationalen und bürgerlichen Willkommen
erschien. Das Abeng dort war überlaut und störte
manchmal das Willkommen der Nation, das vom amtierenden
Premierminister, Hon. Donald Sangster, gesprochen wurde.
Das Abeng überbrüllte die gesamte Vorstellung
des Nachmittags und hielt die riesige Menge, die sich seit
dem frühen Morgen im Stadium versammelt hatte, in einer
fieberhaften Stimmung, die in vollständige Unordnung
umschlug, als der Kaiser und seine Begleitung das Stadium
verließen. Es war einfach unmöglich, die Menge
in Schach zu halten, die herumschwärmte und den Marathon-Eingang
des Nationalstadiums stürmte.
Bei der ganzen Begrüßung des gestrigen Tages
wurde kein jamaicanischer Führer besonders beachtet.
Einige, darunter Kirchenführer, die zum Empfang des
Kaisers auf dem Palisadoes Airport eingeladen worden waren,
waren umgekehrt, sobald die Unordnung begann und die Rufe
zu hören waren: "Geht, dies ist nicht euer Tag;
dies ist unser Tag. Gott ist hier!".
Die Visite des Kaisers war der begeistertste Staatsbesuch,
den Jamaica je erlebt hatte. Zahlreiche Rastas sollen lange
vorher dafür gespart haben, damit sie sich Festkleider
kaufen, ihre Hütten neu streichen und zum Flughafen
fahren konnten. Einige sollen aber auch enttäuscht
darüber gewesen sein, daß statt des strahlenden
Messias, den sie erwartet hatten, ein kleiner gebrechlicher
Greis aus dem Flugzeug stieg.
Am 22. April gab der Kaiser im Sheraton Hotel in Kingston
eine private Cocktailparty, zu der er 60 Rastas einlud.
Der Kaiser verteilte Medaillen mit seinem Bildnis. Einen
Monat nach dem Staatsbesuch brachte ein Senatsmitglied den
Initiativantrag ein, die jamaicanische Verfassung dahingehend
abzuändern, daß der äthiopische Kaiser anstelle
der englischen Königin Staatsoberhaupt von Jamaica
werde. Er begründete den Antrag damit, daß die
Jamaicaner dem Kaiser weit mehr Bewunderung entgegenbrächten
als der fremden weißen Königin. Der Antrag wurde
abgelehnt.
(Beide Artikel
mit Dank entnommen aus: Peter Michels "Rastafari"
, 3. Auflage 1981)
http://www.geocities.com/marydread/bwpics.htm